Nachruf

Nottuln, den 30.0.8.2021

Liebe Freunde, liebe Mitglieder!

Am 28. August 2021 verstarb unsere verehrte und geliebte Tante Waltraud. Sie, die Ihnen und Euch als Sr. Werburga bekannt ist, beendete nach einer letztlich zu langen Leidenszeit in schwerer Krankheit ihr irdisches Leben.

Ihre letzten Wochen hat sie medizinisch gut versorgt und von ihrer Mitschwester Juliana liebevoll umhegt im Krankenhaus der Missionsbenediktinerinnen in Barbalha verbracht. Ihr Gesundheitszustand hatte sich rapide verschlechtert, so dass sie im Pflegeheim in Recife nicht mehr adäquat versorgt werden konnte. Sr. Juliana hat uns immer wieder zeitnah informiert und ermöglicht, dass wir noch ein kleines bisschen mit ihr sprechen konnten. Ihre letzte Botschaft an uns war: „Ich geh jetzt meinen letzten Weg. Grüßt noch einmal alle herzlich von mir!“

Dabei wirkte sie zwar durch ihre Erkrankung gezeichnet, aber dennoch einverstanden, fast entspannt. Wir waren froh, Sr. Juliana an ihrer Seite zu wissen und spüren zu können, dass sie auch emotional gut aufgehoben war.

Ein langes, erfülltes Leben ist nun zu Ende gegangen. Ihr großes Werk, das Centro, lebt weiter (wir berichteten davon im letzten Sommerbrief) und das hat sie glücklich gemacht. Nach und nach konnte sie loslassen und war stolz auf „ihre tollen Leute“ – und das konnte sie auch sein.

Wir haben sie sehr geliebt und bewundert. Sie war die weibliche Kraft unserer Familie und hat ein großes Werk hinterlassen. Darum möchte ich uns allen Ihr Leben in der Mission in Caruaru und ihre Arbeit für die Menschen noch einmal vergegenwärtigen:

Ich möchte mit dem beginnen, was Sr. Werburga und Sr. Martinha 1995 anläßlich des 25-jährigen Bestehens des Centros auf die Einladung zum Jubiläums-Fest schrieben:

25 Jahre Missionsarbeit, 25 Jahre Evangelisation, 25 Jahre Sozialarbeit sind…

  • Ein schwieriger Versuch das Bild Gottes in den Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, zu entdecken und wiederherzustellen; in den Menschen, die schlecht behandelt werden, die keine Arbeit haben, um ihr tägliches Brot zu verdienen, die kein Vertrauen mehr in sich selbst haben …
  • Ein ständiges Angebot, um in gemeinsamer Anstrengung Kindern und Erwachsenen ihre menschliche Würde zurückzugeben, damit sie echte Christen werden können …
  • Eine große Herausforderung nicht nur die 10 Gebote auswendig zu lernen, sondern sie im täglichen, geschwisterlichen Miteinander in die Tat umzusetzen, durch Solidarität im gemeinsamen Kampf für eine menschliche Gesellschaft die Schwierigkeiten und Herausforderungen zu überwinden, die die Welt von heute uns bietet.“

Auch heute hat diese Darstellung nichts von ihrer Bedeutung verloren. In den zahlreichen Briefen, die in den Jahren aus Brasilien kamen, wird von so vielen Aktionen, von so viel Fortschritt, aber auch von so vielen Rückschlägen und Neuorientierungen berichtet. 1988 schrieb Sr. Werburga sinngemäß: Wir sind ein Fass ohne Boden.

Sr. Werburga kam 1968 nach Caruaru als Lehrerin im Kolleg der Missions-Benediktinerinnen. Dort machte sie nach einem heftigen Unwetter, das sogar das große eiserne Tor der Schule eingedrückt hatte und viele Schäden hinterließ, Bekanntschaft mit der Arbeit auf dem Monte. Die fand damals auf der Straße statt: Katechismusunterricht, Kurse für werdende Mütter (alles bei Regen oder sengender Hitze). Dazu kamen viele Hausbesuche.

Bei der Auswertung einer Statistik über Schulbesuche, Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit, Gesundheit usw. wurde sie von den Ergebnissen schwer erschüttert. Rückblickend schreibt sie im Jahr 1989:

„Es wurde mir schwer zu beten: ‘Vater unser…‘ Ich habe ihm manchmal gesagt: Was bist Du für ein schrecklicher Vater? Warum leben die einen im Überfluss und die anderen haben nicht das Notwendigste? Ich dachte, wenn der Magen knurrt vor Hunger, wenn man hilflos voller Schmerzen krank auf einem Pappdeckel liegt, wenn man arbeiten möchte, aber keine Ausbildung hat, wenn von 10 Kindern 7 an Unterernährung und fehlender Hygiene sterben, wenn man das Wasser kanisterweise auf dem Kopf den Berg hinaufschleppen muss…, dann kann man auch nicht an Gott, den Vater glauben.“

Diese Gedanken waren der Anfang zum Aufbau des Sozialzentrums, dessen Geschichte und Entwicklung ich hier in der Entstehung seiner Häuser und Einrichtungen kurz Revue passieren lasse.

1970 wurde im März der Grundstein für das heutige Haupthaus gelegt – mit 1.200,00 DM und einer Anfrage an Miserior. Ein Grundstück hatte der Orden schon lange vorher mal erworben. Nachdem man es wieder ausfindig gemacht hatte, begann Sr. Werburga nun damit, diese Liegenschaft tatsächlich zu nutzen.

1972 folgte der Bau des Kindergartens, in dem noch heute zwischen 120 und 140 Vorschulkinder betreut werden.

1975 folgten der Laden und die Räume der heutigen Altengruppe (ca. 200 Mitglieder), außerdem wurde das Casa Kolping gebaut, in dem heute die Bäckerei eingerichtet ist, aber auch das Refektorium und eine Wohngemeinschaft für Straßenkinder.

1988 wurde das Casa Henrique durch Heinrich Schaffrath, den Vater von Sr. Werburga, erworben. Das Casa Henrique beherbergte lange das Gesundheitszentrum, in dem sowohl Mobilitätstraining für SeniorInnen, Traumatherapie für die zum Teil schwer beeinträchtigten Straßenkinder, Geburtsvorbereitung und Elternschule, aber auch physiotherapeutische Arbeit zur Prophylaxe und Nachsorge für die vom Gesundheitssystem weitgehend ausgeschlossenen Monte-Bewohnern stattfanden.

1991 wurde das Casa Sao Placido errichtet, in dem heute u.a. Schulaufgabenhilfe gegeben wird. Am Jugendclub, so nennt sich das Angebot für die Schulkinder, nehmen zwischen 80 und 120 Kinder teil. Außerdem gibt es einen überdachten aber luftigen Speicher für größere Aktivitäten; dort finden z.B. die Karategruppen, Capoeira, Theater, Chor und Zirkus statt.

1991 war das Jahr, in dem nach vielen deutschen Besuchern in Caruaru erstmals 11 Brasilia­ner/innen aus dem Projekt bei uns in Deutschland zu Gast waren. Daraus hat sich inzwischen eine Tradition entwickelt.

1995 wurde die Oasis, das Haus der Straßenkinder gebaut und eröffnet. Dabei haben die „Sternstunden“ von Bayern III enorme finanzielle Hilfe geleistet. Die Trägerschaft für dieses Projekt obliegt einem brasilianischen Verein. Auch hier begann ein neuer, schwieriger Schritt, nämlich die Bürger/innen der Stadt Caruaru in die Verantwortung für ihre Straßenkinder einzubinden.

1995 wurde das Sitio, der Garten für die Straßenkinder erworben. Es dient bis heute der nützlichen Beschäftigung und dem Lernen: Anbau von Gemüse und Obst, Kleintierhal­tung (Hühner, Kaninchen, Ziegen …). Aber auch für die Freizeitbeschäftigung gibt es dort gute Einrichtungen: einen Spiel- und Bolzplatz, ein großes Zirkuszelt und eine Lager- und Übungshalle.

1998 war eine Delegation der Stadt Caruaru in Münster, die sich überzeugen wollte, ob das, was Sr. Werburga von Versorgung, Verantwortung und Investition in die Zukunft der Kinder in Deutschland erzählte, der Realität entsprach. Und die Brasilianer/innen waren erstaunt und verwundert darüber, wie viel öffentliche Daseinsvorsorge in Deutschland im Vergleich zu Brasilien betrieben wird. Aus dem damaligen Besuch haben sich eine Vielzahl von Kontakten zwischen Krankenhäusern, Schulen und Hochschulen ergeben und der Dialog geht weiter.

1999 ist das Casa Henrique neu errichtet worden, damit alle gesundheitserhaltenden, fördernden und wiederherstellenden Maßnahmen auch unter neuen rechtlichen Vorgaben weitergeführt werden konnten.

2002 wurde eine Mehrzweckhalle errichtet, in der Versammlungen, Gottesdienste und Feste abgehalten werden, die aber auch großen Gruppen für ihr Training dient.

2008 wurde die kleine Schreinerei zu einem Bildungszentrum umgebaut, das sowohl Alphabetisierung betreibt, aber auch Kinder und Jugendliche dabei unterstützt, weiterführende Schulen zu besuchen und oder eine Ausbildung zu absolvieren. Die öffentlichen Schulen in Brasilien sind dafür oft nicht ausreichend.

2010 wurde die Zirkusschule gegründet, die schon zwei Absolventen der staatlichen Zirkusschule in Rio de Janeiro hervorgebracht hat.

2019 wurde im Dezember das „Centro Social São José Do Monte“ durch die Missionsbene­diktinerinnen geschlossen.

2020 eröffneten die langjährigen Mitarbeiter/innen ihre Nachfolgeorganisation „Centro de Educação Popular Irmã Werburga“. Sie gründeten einen Verein (in eigener brasilianischer Trägerschaft), um das Werk von Sr. Werburga fortzuführen.

Schon in der Gründung des Centro durch Sr. Werburga drückte sich ihr großes persönliches Gottvertrauen aus, aber natürlich auch ihre Gewissheit, dass der Orden am Ende immer hinter ihr stehen würde. Diese Gewissheit ist dann leider in der Geschichte des Centro zunehmend verloren gegangen. Eigentlich waren es nicht der Orden, sondern die Familie und die Freunde und Spender in Deutschland und Brasilien, die Verbündeten in den Diözesen Aachen, Paderborn und Münster und bei Miserior, aber auch weltliche Hilfswerke, wie die „Sternstunden“ und  sporadisch sogar die Verwaltung der Stadt Caruaru, die dem Centro sein Überleben und den Ausbau seiner Arbeit ermöglichten.

Zu den Unterstützern vor Ort gehört auch die Kolpingfamilie, die Sr. Werburga selbst mit gegründet hatte, um eine institutionelle Partnerin bei der Entwicklung der Berufstätigkeit vor Ort zu haben. Inzwischen gibt es in Caruaru und Umgebung viele weitere Kolpingfamilien, die ihrerseits Projekte unterhalten, überall wird praktische und katechetische Arbeit miteinander verbunden nach dem Motto: Sei echte/r Christ/in, kompetente/r Arbeiter/in, verantwortungsvolle/r Mutter/Vater und bewusste/r Staatsbürger/in.

Sr. Werburga ist es also gelungen, die materielle und soziale Situation der Menschen deutlich zu verbessern. Aber das genügte ihr nicht: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“ wie Brecht das genannt hat, galt für sie nicht. Sie wollte von Anfang an die Herzen der Menschen für Gott öffnen und für sein Gebot der Nächstenliebe.

Es ist ihr gelungen, diesen Geist, mit dem sie selbst angetreten war, aus dem heraus sie lebte, an die Mitarbeiter und die Nutzer des Centros weiterzugeben. So werden immer wieder elternlose Kinder in Familien von Mitarbeitern großgezogen. Die Fasten-Aktionen im Centro sind ganz darauf angelegt, wiederum anderen zu helfen. Da alle nicht viel Geld haben, erfordert das enorme Kreativität und von der ist viel vorhanden.

So machen Mitarbeiter und Kinder aus dem Centro Freizeitangebote für die, die auf der Straße sind. Hilfewünsche von Bewohnern werden erfasst und in die Tat umgesetzt, sei es dass Steine gesammelt werden, um eine feste Hütte zu errichten oder ein Dach gemeinsam wasserdicht zu machen. – Davon können wir viel lernen.

Fazit: Im Centro ist viel geschafft, bearbeitet, verarbeitet, neu angefangen worden. Eine Kontinuität der Hilfe wurde hergestellt. Es hat sich eine Tradition des gegenseitigen Austausches gebildet, die einem modernen Ansatz von Entwicklungshilfe entspricht. Hier wird tatsächlich Selbständigkeit gefördert und immer wieder neu mit denen angefangen, die dazukommen.

Eine Stärke des Centros war und ist die Fähigkeit, das bewegte Leben und den Wechsel von Sieg und Niederlage auszuhalten und zu gestalten. Das Centro erfüllt damit Anforderungen, die heute an hochmoderne Organisationen gestellt werden: Wandel gestalten, aus Nichts wieder etwas Neues entwickeln, den Mut nicht verlieren und zuversichtlich bleiben. Auch die Nachfolge-Organisation muss und wird das unter Beweis stellen. Unter den Bedingungen der Corona-Epidemie hat sie schon damit begonnen: Die einst selbst vom Monte kamen und Hilfe brauchten, können heute sich selbst und auch den Bewohnern der Favela helfen – wenn wir sie dabei weiter unterstützen.

Das ist das große Vermächtnis von Sr. Werburga: Sie hat uns gezeigt, dass Großes da entstehen kann, wo man Vertrauen schenkt und Hilfe annimmt. Sie war risikobereit aber nicht verantwortungslos – ganz im Gegenteil. Sie wusste immer, was sie wollte, musste aber ihren Weg erst finden. So ist sie ein lebendiges Zeugnis dafür, dass man doch was ändern und erreichen kann, auch wenn es dafür keine Garantien gibt.

Dafür sind wir Ihr alle dankbar. Unsere Bewunderung für ihre unermüdliche Schaffenskraft war und ist groß. Sie ist auch über ihren Tod hinaus ein Vorbild für uns alle.

Jetzt möge sie ruhen in Frieden.

Für den Vorstand des Förderkreises

Margarete Gerber-Velmerig